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Ver-Schmidt-ztes
LESEPROBE Nachtzeitlose Taino, das winzige Städtchen oberhalb des Südwestufers des Lago Maggiore, kennt kein Mensch außer uns als Urlaubsstandort für unsere Unternehmungen. Vom Kirchplatz der St. Stephanskirche hat man einen herrlichen Fernblick auf die schneebedeckte Kette der Schweizer Alpen. Diesen Anblick zu genießen, sind wir oft dort hin gelustwandelt , haben uns auf die Mauerbrüstung gesetzt und den schönen Granitstein entdeckt mit der übersetzbaren Inschrift: Sul Livello di Mare M 292 pro loco Taino. Fast 300 Meter über dem Meeresspiegel hockten wir also mit unserem Hintern auf sonnenwarmem Stein und wollten gern bestätigen, daß sich der liebe Gott bei Schaffung dieser Landschaft etwas besonders schönes hatte einfallen lassen. Sehr angetan hatte es mir die seitlich am Kirchturm angebrachte schöne Sonnenuhr mit dem Wappen des Ortes, in dem ich ein Johanniter-, pardon, wir sind im katholischen Italien, achtspitziges Malteserkreuz entdeckte. Besonders sinnreich fand ich den lateinischen Dreiwort-Spruch über der Uhr: SINE SOLE SILEO Ohne Sonne schweige ich - hübsch ausgedrückt, aber für uns Nordländler scheint in Italien ja doch immer die Sonne. So auch jetzt, und die Uhr zeigt, was ihres Amtes ist: 15 Uhr dreißig mit scharfem Schattenriß. Nur die Sommerzeit hatte sie nicht ‘mitgemacht’, was wir leicht schadenfroh konstatierten. Dafür hielt sie aber eine Überraschung für uns bereit. Sie strafte ihr Motto, ohne Sonne die Zeit nicht anzuzeigen, selbst Lügen. Als wir spät abends noch einmal die in der Dämmerung vergehende Silhouette des Monte Rosa betrachten wollten, wird der Kirchplatz hell erleuchtet von starken Strahlern, die San Stefano in gelbes Licht getaucht, von Ferne sichtbar auf dem Berge schweben ließen. Ein Blick zur Sonnenuhr läßt uns erstaunen. Sine Sole zeigt sie uns mit scharfem Strich die Zeit. Und das gleich drei Mal, je eine Zeit von den drei Strahlern auf der Westseite des Platzes. Eigenartig berührt, sinnieren wir gemeinsam über die Zeit. Unsere Uhr vor uns zeigt uns eindeutig, daß es im Augenblick exakt gleichzeitig 11 Uhr 31, 5 Uhr 29 und 6 Uhr 48 ist. Die Dreifaltigkeit der Zeit, das ist wie die Quadratur des Kreises, unseres Erachtens ein Grund, besinnlich zu werden, zumal auf dem Kirchplatz zu Taino die Dreizeit auch noch stehen bleibt - 12 Stunden lang, bis zum Aufgang der Sonne und dem Verlöschen der Strahler. Das gibt es an keinem anderen Ort der Welt. Wem also die Zeit zu schnell vergeht, wer zu rapide altert - mein Geheimtipp für den ist Taino. Dort spart man jede Nacht zwölf Stunden Lebenszeit auf dem Kirchplatz von San Stefano. Das schafft selbst der potenteste Jungbrunnen nicht. Wenn die Leute diese Geschichte lesen, das wird ein Gedränge und Schlange stehen in Taino! Da wird sich selbst Lourdes und Fatima etwas einfallen lassen müssen... Klicken Sie bitte rechts für weitere Informationen |
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Christian W. Schmidt 2012
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